Berlin Strategy ist ein blog von Stefan Steinicke. Er Analysiert politische, Wirtschaftliche, Technologische und Gesellschaftliche Makrotrends und ihre Auswirkungen auf globale Machtverhältnisse.

Mehr Strategie wagen

Komplexität und rasante Veränderung – das sind die Merkmale des aktuellen geopolitischen Umfelds, durch das sich Deutschland navigieren muss. Tektonische Machtverschiebungen in Politik und Wirtschaft treffen auf disruptiven Wandel in Klima und Technologie. Durch globale Vernetzung wird die Welt unübersichtlicher und politische Risiken nehmen zu. In atemberaubendem Tempo wandelt sich daher vor unseren Augen die internationale Ordnung. Damit einhergehend verschwinden alte Gewissheiten, ohne dass es neue Leitideen gibt. Auch dadurch breiten sich in der Gesellschaft Unsicherheit und Orientierungslosigkeit aus. Um mit dieser neuen Welt Schritt halten zu können braucht Deutschland vor allem eines: eine Strategie.

Für Deutschland sind diese Entwicklungen herausfordernd. Als eines der wirtschaftlich und politisch am besten vernetzten Länder der Welt hat es enorm von der liberalen Weltordnung profitiert. Doch diese Ordnung befindet sich in einer tiefen systemischen Krise. Immer mehr Menschen und Staaten betrachten sie nicht mehr als effektiv und legitim. Daraus folgt zwangsläufig, dass nun eine globale Debatte darüber beginnt, wie die zukünftige internationale Ordnung aussehen soll. Oder anders gesagt: es gibt eine globale „Wahl“ über die zukünftige Ordnung. Zur Abstimmung stehen unterschiedlichste Modelle. Hier muss Deutschland klar Stellung beziehen. Aufgrund der sich wandelnden Ordnung wird sich auch Deutschlands Rolle in der Welt in den nächsten Jahren stärker verändern als in vorherigen Jahrzehnten. Bisher reagiert Deutschland aber nur im taktischen „Klein-Klein“ auf diese Transformation. „Radikaler Inkrementalismus“ ersetzt aber keine Strategie. Deutschland braucht daher eine Debatte darüber, wie es zukünftig Außen- und Sicherheitspolitik betreiben will, um eine möglichst den eigenen Interessen entsprechende internationale Ordnung zu entwickeln.

Wodurch zeichnet sich eine Strategie aus? Dass man in lang- statt in kurzfristigen Zeithorizonten denkt. Dass man Ursachen und nicht nur Symptome angeht. Und nicht zuletzt: Dass man sich auf das Essenzielle konzentriert und nicht vom Banalen ablenken lässt.

Strategieentwicklung muss mit einer schonungslosen Analyse des Ist-Zustandes beginnen. Denn nur wer den Status quo kennt, kann sich bewusst machen, was noch fehlt, um den gewünschten Endzustand zu erreichen. Um also heutige und zukünftige Herausforderungen nachhaltig zu bearbeiten, muss man sich intensiv mit langfristigen Trends in Politik, Demographie, Technologie, Wirtschaft, Geographie, Klima, Kultur oder Gesellschaft auseinandersetzen. Erkenntnisse aus diesen Feldern geben uns Hinweise auf zukünftige Entwicklungen, Trends und – ein zentraler Punkt – die Rolle einzelner Akteure darin. Wer auf diese prinzipiell vorhersehbaren Faktoren vorbereitet ist, hat die Hände frei für die ‚schwarzen Schwäne’. Denn die wahre Kunst der Strategie besteht darin auf Unvorhergesehenes kreativ im Sinne der eigenen Ziele zu reagieren.

Wie eine außen- und sicherheitspolitische Strategie im Detail auszusehen hat, die Deutschland ermöglicht die neue internationale Ordnung aktiv mitzugestalten, muss in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft debattiert werden. Den Strateginnen und Strategen seien dafür fünf „Leitplanken“ an die Hand gegeben:

1. Hierarchisieren

Selektivität bei Themen und Interessen ist von größter Bedeutung. Die Vielzahl an Konflikten und Herausforderungen mag einem den Blick vernebeln und eine Rangordnung unmöglich erscheinen lassen. Höchste strategische Relevanz hat aber der globale Wettbewerb um eine neue internationale Ordnung.

2. Erzählen

Für außenpolitische Orientierung und innenpolitische Legitimierung brauchen Deutschland und der Westen ein neues Leitmotiv, welches zu Hause und weltweit Hoffnung und Neugier weckt. Mit der Forderung nach Aufrechterhaltung der liberalen Weltordnung, also dem Absichern des Status quo, ist dieser globale Wettstreit der Ideen nicht zu gewinnen. Das neue Narrativ sollte der Aufbau einer offenen und zivilisierten internationalen Ordnung sein, die glaubwürdig die drängendsten Probleme unserer Zeit lösen kann.

3. Priorisieren

Um diese globale Wahl über die Zukunft der internationalen Ordnung zu gewinnen, müssen Deutschland und seine Partner die wichtigsten Spielfelder, Trends und „Swing States“ identifizieren, die darüber entscheiden, ob es ihnen gelingt eine offene und zivilisierte internationale Ordnung aufzubauen. Das heißt: Welche Länder stehen sinnbildlich für zentrale Probleme und welche Länder sind am wichtigsten für die Problemlösung?

4. Einfühlen

Sind die wichtigsten Staaten identifiziert, muss man herausfinden, wo sie am ehesten Hilfe benötigen, bei welchen Herausforderungen sie andere unterstützen können und wo Deutschland mit seinem Handeln den größten Einfluss hat.

5. Anbieten

Deutschland muss seinen eigenen Mehrwert definieren, den es mit seinen Fähigkeiten den wichtigsten Ländern anbieten kann. Werden diese Angebote angenommen, hat Deutschland die Chance die Entwicklung in Richtung einer offenen und zivilisierten internationalen Ordnung voranzutreiben.

Komplexität darf keine Ausrede fürs Nichtstun sein. Denn bereits heute bauen andere Akteure an einer neuen Weltordnung nach ihrem Geschmack. Will man die strategische Initiative zurückgewinnen, braucht es geopolitischen Erfindergeist, Mut zu konträren Debatten und den Willen auch zu grundsätzlicher Veränderung. Dazu möchte Berlin Strategy einen Beitrag leisten, indem es Trends analysiert, Ereignisse kontextualisiert und Debatten begleitet.

Cities vs. the Countryside and the Future of the International Order